Neu Delhi 2

01.11.:

My Home is my Castle

Heute Morgen wechsle ich von diesem etwas trostlosen Palace-Hotel in meine Privatunterkunft. Der Hotelmanager will mich noch davon überzeugen, bei ihm wohnen zu bleiben. Zum Ashok Hotel, wo die Tagung stattfindet, seien es mit dem Auto nur 10 Minuten. Mein Taxi braucht dann etwas über 90 Minuten, um zu meiner Unterkunft zu kommen, das auf der Strecke zum Tagungszentrum liegt.

Werde sehr freundlich aufgenommen. Mein Zimmer ist schön groß mit großem französischem Bett. Auf dem Schreibtisch stehen ein Fernseher mit Satelliten-Receiver sowie ein Notebook mit schnellem Internetzugang. Hinzu kommen eine Klimaanlage, ein Balkon sowie ein großes Bad/WC mit Dusche und Power-Spülung. D.h., ich muss nicht mehr länger das benutzte Toilettenpapier in den Mülleimer werfen, wie sonst in Indien üblich.

Außerdem habe ich noch zwei Angestellte, die mir Frühstück oder auch anderes zu Essen machen und das Zimmer reinigen. O.k., die kümmern sich nicht nur um mich, sondern auch um die vierköpfige Gastgeberfamilie. Dazu kommt, dass dieses B&B nur ein Fünftel dessen kostet, was die Mitglieder der deutschen Delegation im Interconti bezahlen (wenn sie nicht in Karol Bahg wohnen und täglich 3-4 Stunden im Bus unterwegs sind). Und der allergrößte Knaller: Niemand wohnt näher am Indian Habitat Center dran, als ich, wo die meisten Veranstaltungen stattfinden: 15 Minuten zu Fuß oder 5 Minuten in der Auto-Rikscha, umgebauten Piaggio-Dreirädern, wo vorne der Fahrer und hinten bis zu zwei Gäste (oder mehr) sitzen.

Ein Abenteuer gehe ich am 1.11. noch ein. Ich lasse mich in den Ortsteil Nizamuddin fahren zum Hazrat-Nizam-ud-din-Aulia. In meinem Reiseführer steht nur etwas drin, dass es sich hier um die Gräber mehrerer verehrter Heiliger handelt. Hört sich eigentlich harmlos an. Haha! Selten so gelacht!

Tatsächlich tauche ich in eine andere Welt ein. Mein hinduistischer Fahrrad-Rikscha-Fahrer fühlt sich offensichtlich unwohl, verliert die Orientierung. Nach mehrmaligem Nachfragen kommen wir schließlich in die Nähe dieses Heiligtums. Hier spricht – absolut unüblich für Indien – fast niemand mehr englisch. Ich stehe in einer engen Gasse. Mein Rikschafahrer wartet kaum ab, dass er mein Geld bekommt, so eilig hat er es, von hier wegzukommen. An mir huschen tiefschwarz verschleierte Frauen vorbei. Irgendwo höre ich das Murmeln von Koranschülern. Der Muezzin ruft zum Gebet. Und ein Händler drückt mir zwei Plastiktaschen mit je einer grünen Tischdecke in die Hand, dazu zwei Ketten mit Tagetes und einer Familienpackung Räucherstäbchen und will 500 Rupien. Mit dem Händler ist leider keine Verständigung möglich, mein wohl etwas zu verhaltenes "nein" akzeptiert er nicht. Verhalten deswegen, weil diese Utensilien vielleicht unabdingbar für einen Besuch sind. Was weiß denn ich? Nach 10 Minuten Diskussion und einem kleinen Menschenauflauf findet sich endlich jemand, der ansatzweise Englisch kann und mir sagt, dass ich die Sachen natürlich nicht benötige, damit aber die beiden heiligen Männer ehren kann. Er sagt mir auch, wo ich in das Labyrinth eintauchen muss.

Alleine hätte ich mein Ziel wohl sicherlich nie gefunden. Immer wenn ich falsch abbiegen will, zupft mich einer der 20 Bettler, die mich begleiten und bringt mich wieder auf den richtigen Weg. Als Dank bekommt derjenige immer 5 Rupien in die Hand gedrückt. Alle 20 Meter will mir einer eine "Tischdecke" verkaufen. Damit ich Ruhe habe, kaufe ich schließlich 2 Tagetes-Ketten für 100 Rupien.

Heilige Stätten des Islam dürfen nicht mit Schuhen betreten werden, also denke ich mir nichts weiter dabei, als man mich auffordert, diese auszuziehen und abzustellen. Ein Mitnehmen ist nicht erwünscht. Natürlich sagt mir keiner, dass es noch 300 Meter bis zum Heiligtum sind und wie schwierig es sein wird, meine Schuhe in diesem Gassengewirr wiederzufinden. 

Letztendlich erreiche ich die Moschee mit dem Grab des Heiligen Shaik-ud-din-Chisti, seiner Tochter Jahanara und anderen wichtigen Leuten. Dort nimmt mich der Vorsteher in Empfang, zeigt mir, wo ich meinen Blumenkranz ablegen soll und bedeutet mir, sich neben ihn im Vorraum des Heiligtums zu setzen. Er nimmt ein dickes Buch heraus, mit der Bitte, mich einzutragen – Gästebücher sind in Indien sehr beliebt, wie ich in den vergangenen drei Wochen gelernt habe. Stutzig werde ich, als er meine genaue Adresse haben möchte. Hier habe ich meiner Fantasie dann doch etwas Spielraum gelassen. 

Als Nächstes erfahre ich, dass es sich um ein Spendenbuch handelt. O.k., aufgrund der individuellen Betreuung und im Sinne der christlich-muslimischen Freundschaft trage ich halt mal 200 Rupien ein. An dieser Stelle wird mir der Zweck der fünf Spalten klargemacht. Man erwartet fünf Spenden von mir. Oha! Also gut, ich trage in den anderen vier Spalten jeweils einen Betrag von 100 Rupien ein. Als Nächstes werde ich darüber aufgeklärt, dass es auf keinen Fall ginge, dass ich für die Erhaltung des Grabmals der Tochter des Heiligen 200, für ihn selbst aber nur 100 spende. Als gut, machen wir aus den 100 eben 200 Rupien. Ob mir die Bildung und die Zukunftschancen der jungen Menschen nichts wert sind, dass ich für die nur 100 Rupien übrig habe. Gaga! Also gut, machen wir auch hier 200 daraus. Kreditkarte wird nicht akzeptiert, Cash wird erbeten. Hoffe, dass das Geld wenigstens dorthin fließt, wohin es fließen soll und ich nicht bei meiner nächsten Einreise in die USA Probleme bekomme…

Für meine Großzügigkeit bekomme ich eine individuelle Führung mit vielen Erklärungen. Meine Schuhe finde ich tatsächlich wieder, mein Zimmer ebenso. Puh!

Meine Vermieterin hat gerade Besuch von einer Freundin, ich werde zu einer Tasse Tee eingeladen. Wir kommen ins Gespräch, ich erfahre vieles über die Denke der indischen Mittelschicht. Das Viertel, in dem ich wohne, wird von der oberen Mittelschicht dominiert, trotzdem wechseln sich hier schöne Villen mit Baracken ab, viel Grün gibt es hier. Faszinierend ist, dass hier Hindus, Sikhs und Moslems leben.

Die beiden wollen mir gar nicht glauben, dass ich gerade im Ortsteil Nizzamuddin war. Beide waren noch nie dort, ist für sie exotischer als eine Reise nach Deutschland.

Gehe noch Getränke einkaufen und laufe prompt in eine Musikkapelle hinein. Auf meine Frage, was gefeiert wird, erfahre ich, dass eine Sikh-Hochzeit ansteht. Und schon bin ich wieder mitten im Geschehen, werde eingeladen, mal reinzuschauen. So sind die Inder: Einerseits lassen sie einen kaum mal in Ruhe, andererseits freuen sie sich aber auch, wenn Du sie nicht in Ruhe lässt…